Fast jeder dritte Einwohner Krefelds ist Mitglied eines Sportvereins. Das sind etwa 70.000 Menschen aller Altersgruppen. Ungefähr 220 Sportvereine gibt es in unserer Stadt, davon haben vier über 3.000 Mitglieder. Traditionsvereine wie der CHTC (Crefelder Hockey und Tennis Club) und der Crefelder Ruderclub sind international sehr erfolgreich. Aus Krefeld stammen Goldmedaillengewinnerinnen wie Lisa Schmidla (Rudern) oder Aline Focken (Ringen). Also ist doch alles „in Butter“ mit dem Krefelder Sport, oder!?

Dass die Situation nicht ganz so rosig ist, wie es auf den ersten Blick erscheint, ist Insidern seit längerem bewusst. Die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre sind auch am Sport nicht spurlos vorübergegangen. Die demografische Entwicklung und ein verändertes Freizeitverhalten sind dabei nur zwei Faktoren, mit denen Sportvereine heute zu kämpfen haben. Dazu kommen Trends wie die zunehmende Verbreitung der Ganztagsschulen, stärkere berufliche Mobilität und die allgemeine Vereinsmüdigkeit gerade bei jüngeren Menschen. In der Folge fällt es vielen Vereinen schwer, Menschen mittleren Alters für sich zu gewinnen. So verloren Krefelder Sportvereine von 2000 bis 2013 fast die Hälfte aller Mitglieder im Alter von 27 bis 40 Jahren. Dazu kommt die oft schlechte finanzielle Ausstattung, die immer weniger aus kommunalen oder Sponsoren-Budgets abgedeckt werden kann. „Die Probleme werden zurzeit noch durch das große Engagement vor allem älterer Ehrenamtler aufgefangen“ , erklärt Stadtsportbund-Geschäftsführer Jens Sattler. „Das ist für viele Vereine aber nur ein Aufschub. Bewegung tut Not.“ 

Einsichten wie diese waren eine wesentliche Motivation, im Jahr 2012 den Krefelder Sportdialog aus der Taufe zu heben. Dabei trafen sich die Sportverantwortlichen der Stadt mit Akteuren aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft, um über wichtige Themen wie Kinder, Jugendliche und Ältere, Breitensport und Leistungssport, Vereine, Sportstätten und Qualifizierung von Trainern und Sportlehrern zu sprechen. Um den Prozess auch mit der Stadtgemeinschaft zu vernetzen, wurde ein neunköpfiges „Kernteam für den Krefelder Sport“ aufgebaut, mit Vertretern von Stadtverwaltung, Schulen, Wirtschaft und Vereinen sowie dem StadtsportbundVorsitzenden Dieter Hofmann und Jens Sattler. Sprecher sind Dirk Wellen von RondoFood und Mario Bernards, dem Leiter Politik- und Bürgerdialog im Uerdinger Chempark.

„Dass ich jetzt hauptamtlicher Geschäftsführer des Stadtsportbundes bin, ist bereits ein Ergebnis des Krefelder Sportdialogs“, so Jens Sattler im moveo-Interview. „In unseren Diskussionen haben wir schnell festgestellt, dass wir um eine zügige Professionalisierung nicht herumkommen.“ Mario Bernards ergänzt: „Um es sportlich auszudrücken: Wir laufen in Krefeld hinterher, vor allem den eigenen Ansprüchen.“ Er und Jens Sattler sind sich einig, dass der Krefelder Sport an einem Scheideweg steht, wo grundlegende Entscheidungen getroffen werden müssen. „Die umfangreiche Bestandsaufnahme ist abgeschlossen, jetzt kommt es darauf an, gezielte Maßnahmen einzuleiten“ , so Sattler. „Das funktioniert aber nicht ‚von oben herab‘, sondern nur mit einer gemeinsamen Anstrengung aller Akteure. Kooperationen und das Verständigen auf Prioritäten sind dabei unverzichtbar, denn Wunsch und Wirklichkeit klaffen mit Blick auf die derzeit vorhandenen Ressourcen und Strukturen weit auseinander.“ 

„Mit dem Sport verbindet die Industrie zum Beispiel der Leistungsgedanke, vorne sein zu wollen. Aber auch Teamgeist, Bewegung und Anstrengung sind spannende Attribute, die Sport und Industrie füreinander interessant machen, ganz jenseits der üblichen Sponsorenmodelle“ , freut sich Chempark-Manager Bernards. „Hier können neue Formen der Zusammenarbeit richtungsweisend sein. Ein gutes Beispiel ist die Initiative ‚Gold – made in Krefeld‘ , mit der wir Spitzensportler und Menschen aus der Wirtschaft zusammenbringen. Wir helfen den jungen Sportlern beim Berufseinstieg und dem Vereinbaren von Sport und Beruf.“ Der SSB-Geschäftsführer Jens Sattler bemerkt: „Dabei geht es allerdings nicht darum, nur die Top-Athleten zu fördern. Leistungssportler sind wichtige Vorbilder, die können ihren Weg aber nur auf der Basis des Breitensports gehen. Sport und Bewegung sind für uns elementare Bestandteile der  Gesellschaft. Wir wollen möglichst vielen Menschen helfen, zu entdecken, dass Sport Spaß macht und sehr wichtig für die eigene Gesundheit ist. Dafür brauchen wir nach wie vor unsere Sportvereine, die sich allerdings den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen müssen, wenn sie überleben wollen. Unter dem Motto ‚Qualität statt Quantität‘ kann Sportförderung zukünftig nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip funktionieren. Wir müssen da fördern, wo auch wirklich eine Nachfrage besteht, egal ob es sich um Sportstätten handelt oder um Sportangebote. Wir sind auf einem guten Weg, wenn wir ihn zusammen konsequent gehen.“

Weitere Informationen zum Krefelder Sportdialog unter www.ssb-krefeld.de/projekts-krefelder-sportdialog/