Max ist vier. Mit gesenktem Kopf und nasser Hose steht er vor seiner Kindergärtnerin. Er hat in die Hose gemacht und wird geschimpft. Beim Abholen erfahren seine Eltern, dass er der letzte in seiner Gruppe sei, der noch nicht „trocken“ ist, und es immer wieder Zeit koste, ihn umzuziehen. Mit ihrem Latein am Ende, werden Max' Eltern beim Kinderarzt vorstellig. – Eine konstruierte Geschichte, die sich so wahrscheinlich tausendfach in deutschen Haushalten abspielt. Was tun, wenn Kinder sich einnässen? Dr. Walter Batzill, Oberarzt an der Klinik für Urologie, Kinderurologie und Urogynäkologie des Krankenhauses Maria-Hilf, bleibt gelassen.

„Auf Kinder wird ein enormer Druck ausgeübt“, weiß der zweifache Vater. „Sie sollen schnellstmöglich trocken werden, um keine Arbeit zu machen. Aber die Blasenkontrolle ist ein komplexer Vorgang, der Zeit braucht.“ Auch das Bettnässen, immer wieder gern als Symptom für psychische Probleme apostrophiert, ist ganz normal, denn Kinder haben einen tieferen Schlaf als Erwachsene und wachen vom Harndruck oft nicht auf. „Vor der Vollendung des fünften Lebensjahres sehen wir Urologen gar keinen Grund, einzugreifen“, sagt Batzill. „Erst danach schreiten wir zur Untersuchung.“ In den allermeisten Fällen ist Inkontinenz bei Kindern auf ein handfestes physisches Problem zurückzuführen und ebenso häufig lässt es sich minimalinvasiv beheben. „Oft liegt dem Bettnässen eine Harnröhrenverengung oder der sogenannte Blasenreflux zugrunde, bei dem Urin aus der Blase zurück in die Niere läuft. Wenn wir das bei der Ultraschalluntersuchung – die wir immer bei Vollnarkose durchführen – feststellen, können wir sofort den Eingriff vornehmen. Im einen Fall wird ein kleiner Schnitt, im anderen eine minimale Gewebeunterspritzung gemacht. Die Kinder können einen Tag später schon wieder nach Hause – und wachen nie mehr in einem nassen Bett auf“, lächelt der Spezialist.

Aber das Thema „Kontinenzstörung“ ist nur eines, das ihn in seiner Arbeit mit Kindern beschäftigt. „Wir behandeln bei Jungs häufig den Hodenhochstand, der zur Unfruchtbarkeit führen kann, wenn er nicht behandelt wird. Im Unterschied übrigens zum Pendelhoden, der unbedenklich ist“, zählt Batzill auf. „Auch die Vorhautverengung ist ein Thema. Und in den letzten Jahren bemerken wir ein verstärktes Vorkommen von Missbildungen des Penis.“ Worauf diese zurückzuführen sind, ist noch unklar. Wissenschaftler haben den erhöhten Östrogenspiegel des Grundwassers im Verdacht, aber die Theorie konnte bislang noch nicht bestätigt werden. „Der Penis ist in den frühen Entwicklungsstadien im Mutterleib eine Scheibe, die sich erst nach und nach zu einer Röhre formt. Bei manchen Neugeborenen ist diese Röhre nicht ganz geschlossen“, erläutert der Urologe. „Für die Eltern ist das natürlich ein Schock. Aber nicht immer werden die Funktionalität des Penis oder das Selbstbild der Jungen durch die Missbildung beeinträchtigt. Wie bei allen Fällen, mit denen wir es zu tun bekommen, prüfen wir auch hier sehr gewissenhaft, bevor wir eine Entscheidung treffen. Das Skalpell ist immer die letzte Lösung, bei Kindern ganz besonders.“ Diese Philosophie, die Batzill gemeinsam mit Chefarzt Dr. Westphal am Klinikum etabliert hat, kommt auch bei einem anderen Streitthema zum Tragen: Beschneidungen. „Das Argument, ein beschnittenes Glied sei hygienischer, ist einfach nicht haltbar. Wenn man den Penis nicht wäscht, spielt es keine Rolle, ob er beschnitten ist oder nicht. Und man käme ja auch nicht auf die Idee, sich die Hände abzuhacken, weil sie schmutzig werden.“ Aber nicht nur Jungs landen in der Kinderurologie: „Die genannten Beschwerden haben Mädchen zwar nicht, aber das holen sie mit Harnwegsinfekten wieder auf. Diese kommen sehr häufig vor und können schwerwiegende Folgen für Blase und Niere nach sich ziehen, sofern sie nicht richtig behandelt werden.“

Die allerwichtigste Eigenschaft, die Batzill und seine Kollegen an der Kinderurologie – neben dem medizinischen Sachverstand – mitbringen, sind Empathie und Geduld. „Die Kinder stehen im Mittelpunkt jeder Untersuchung. Es ist ganz wichtig, dass sie sich von mir ernst genommen fühlen, denn nur so bauen sie überhaupt Vertrauen zu mir auf. Ich höre ihnen zu, lasse sie erzählen. Und wenn sie mal keine Lust auf eine Untersuchung haben, dann respektiere ich das“, beschreibt er sein Vorgehen. „Eine solide Vertrauensbasis ist die Grundlage meiner Arbeit, da unterscheiden sich Kinde nicht von Erwachsenen.“ Dieses Vertrauen spielt aber auch ein bedeutende Rolle in der Kooperation mit den niedergelassenen Ärzten. „Wir verstehen uns als Partner der Kinder- und Hausärzte. Je besser wir zusammenarbeiten, umso mehr profitiert der Patient davon“, bekräftigt Batzill. „Wir wissen, dass da draußen hervorragende Arbeit geleistet wird – und die wollen wir mit unserer Expertise und unseren therapeutischen Möglichkeiten am Klinikum bestmöglich unterstützen.“ Wenn man dem Urologen zuhört, wie er eloquent, empathisch, ruhig, aber auch mit Humor von seiner Tätigkeit spricht, weiß man, dass das keine leeren Versprechungen sind. Vor dem Gang in die Klinik für Urologie, Kinderurologie und Urogynäkologie muss sich Max also nicht in die Hose machen.